Kelvin Haizel in Zürich

Glaube an die verändernde Kraft von Kunst

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Barrieren und entgrenztes Denken, blutiger Ernst und augenzwinkerndes Spiel: Der ghanaische Künstler Kelvin Haizel überzeugt in seiner Ausstellung zum Vontobel-Förderpreis für experimentelle Fotografie in Zürich

Stop! Bleib' bloß vor der Absperrung, schießt es in den Kopf. Sekundenschnell begreift man natürlich, dass die zwei verchromten Absperrpfosten und das von ihnen gehaltene, quer durch das Kabinett gespannte blaue Band keine wirkliche Funktion haben. Eindrücklich führt der Künstler Kelvin Haizel aber vor, wie konditioniert wir sind - sei es durch Absperrbänder oder Schlagbäume.

Barrieren und entgrenztes Denken, blutiger Ernst und augenzwinkerndes Spiel, zwischen solchen Polen bewegt sich Haizel bei der Vontobel-Bank in Zürich. Zu sehen sind fotografische Werke, die der 1987 in Ghana geborene Künstler durch installative Setzungen (wie das Sperrband), durch normabweichende Hängung und nicht zuletzt seine Bildauffassung ins Skulpturale erweitert.

Nach Eva O'Leary 2017 ist Haizel der zweite Träger des Vontobel-Förderpreises für experimentelle Fotografie. Im Auswahlprozes von "A New Gaze 2" waren 80 Künstler eingeladen, Projekte zum Thema "Identität" zu entwerfen. Er habe sich nicht unbedingt auf das Migrationsthema versteifen wollen, erzählt Haizel in Zürich. Der Künstler hat in verschiedenen afrikanischen Ländern, in Frankreich und Portugal ausgestellt und zählte 2017 zu den Gastkuratoren der ersten Lagos-Biennale. Eine Fernsehdokumentation über die zwischen Madagaskar und Mosambik liegende Inselgruppe der Komoren lockte den Künstler dann aber in eine Region, die seit einem knappen Vierteljahrhundert von einem Flüchtlingsdrama großen Ausmaßes geprägt ist. Nur bekommt der Westen kaum etwas davon mit.

Im Gegensatz dazu stürzten sich internationale Medien auf eine Flugzeugkatastrophe, die 1996 vor den Komoren 125 Todesopfer forderte. Zu Haizels komplexer Installation im Vontobel-Erdgeschoss gehören Flugzeugsitze mit eingebauten Bildschirmen, über die TV-Bilder der damaligen Notwasserung des Ethiopian-Airlines-Fluges 961 flimmern. Drei Äthiopier hatten versucht, die Maschine mit Destination Abidjan (Elfenbeinküste) nach Australien zu entführen, bis der Treibstoff ausging. Um die vier Sitze herum thematisiert eine fotografische Serie einen Nebeneffekt des Unglücks auf die Insel Grande Comore: Nachdem die Leichen in einen großen Kühlraum gebracht wurden, verlor dieser ehemals für die ganze Insel wichtige, nun sozusagen entweihte Zweckbau seinen Nutzen. Auf den Bildern performt der Künstler, der einen Babyhai in den Armen wiegt - "Babysitting a Shark in a Coldroom". Speisefisch kann im Kühlraum nicht mehr konserviert werden, stattdessen wird die Kühlhalle zum Ort einer Kunstperformance. Der unangenehm grelle Green-Screen-Hintergrund der Fotos bringt den historischen Schauplatz allerdings zum Verschwinden. Und auch seine eigene Identität verschleiert Haizel - indem er seinen Kopf aus dem Bild herauslässt, und ebenso seine dunkle Hautfarbe durch eine große Tunika und blaue Plastikhandschuhe verbirgt. Das eigenartige Wechselspiel zwischen präzisem Geschichts- und Ortsbezug einerseits und Abstraktion andererseits führt dazu, dass das Werk gleichsam über seine Ausgangsbedingungen hinauswächst, opak und "plastisch" wird.

Weitere bei Vontobel ausgestellte Fotoserien von Haizel wie "POOR – Possibilities of Our Return" oder "This Cannot Be Delicious Forever" bezeugen seine außergewöhnliche Bildsprache und künstlerische Intelligenz. Zugrunde liegt ihnen die Idee Haizels, dass ein (fotografisches) Bild zu einem Ding, also zu einem Teil der Objektwelt werden kann. Haizel schlägt vor, man solle sich ein solches Bild "als ein Paar Bionik-Arme auf einem zweidimensionalen Schirm vorstellen, die 3D-gedruckt und einem Amputierten angelegt werden und dessen Muskelsignale in entsprechende Bewegungen umsetzen." Hier spricht jemand, der mit imponierendem Aplomb an die verändernde Kraft von Kunst glaubt. 

Die crazyness der Bilder und Konzepte entspricht dem seltsamen Bezugsort: Die Komoren-Insel Mayotte ist seit 1975 politisch von der Union der (restlichen) Komoren - ein souveräner und bitterarmer Staat - getrennt. 2011 wurde Mayotte sogar zu Frankreichs 101. Departement erklärt. Zuvor hatte die 1995 eingeführte Visumpflicht für Bewohner der Nachbarinseln ein Flüchtlingsdrama ausgelöst. Jahr für Jahr versuchen seitdem Komorer mit Booten nach Mayotte zu gelangen, viele ertrinken dabei.

Für sein "Comoros Encounters"-Projekt hatte Haizel ein Visum beantragt und bekommen. Das Originaldokument liegt der Werkgruppe "Every Other Is a Citizen" zugrunde, für das der Künstler sein Passfoto durch die Konterfeis verschiedener Menschen, die in Mayotte Asyl suchen, ersetzte. Auf mittelgroßen Formaten sieht man veränderte Repliken des einen Visums - die Namen und Geburtsdaten wechseln mit den neuen Visumsinhabern. Behörden suchen Identität und Staatsangehörigkeit zu fixieren - Künstler wie Kelvin Haizel lösen sie spielerisch auf. Nur ein Gedankenexperiment, nicht mehr? Man kann es nicht sagen. Den Raum mit den Porträts unter dem Aufdruck "VISA" zerteilt das oben erwähnte Absperrband. In Haizels Welt kann man einfach drumherumgehen.

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