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Carlos Sauras "Renzo Piano" im Kino

Wenn Architekten die Welt retten

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Zwei Genies ist einer zu viel: Altmeister Carlos Saura dokumentiert die Geburt des Centro Botin und verliert im Gespräch mit Stararchitekt Renzo Piano die Lust am filmischen Experiment

Der spanische Filmregisseur Carlos Saura gönnt sich gelegentlich einen Ausflug aufs unbekannte Terrain. Mal schreibt er einen Roman, mal versucht er sich im Fach Fotografie. Und jetzt also eine Doku, die ihre Fühler in die Architektur ausstreckt. Im Zentrum steht die siebenjährige Entstehungsgeschichte eines neuen Kulturzentrums in der spanischen Küstenstadt Santander, von der Planungsphase bis zur Einweihung. Kein geringerer als der Italiener Renzo Piano dirigiert die Bauarbeiten des Centro Botin, als Erschaffer des Centre Pompidou und vieler anderer Museumsbauten ein Fachmann in Sachen markante Musentempel.

Elegisch geht es los mit Luftaufnahmen des vom Meer umrandeten Badeorts, die von Gustav Mahlers 5. Sinfonie untermalt werden. Eine gelungene Reverenz an Luchino Viscontis Film-Klassiker "Tod in Venedig", denkt man sogleich, bis der endlose Reigen der sprechenden Köpfe einsetzt und die gefühlige Musik mit der staubtrockenen Kakophonie von involvierten Regionalpolitikern, Ingenieuren und Einheimischen konkurrieren muss. Dass die letzteren über die eine oder andere geniale Idee, etwa einen Tunnel für den Autoverkehr unter dem Bau, wenig begeistert sind, stört Piano nicht weiter.

Stattdessen stellt er sich Fragen wie diese: Wie bringt man 270 000 Keramikfliesen in der Sonne zum Leuchten? Wie hält man den Blick auf den Atlantik offen? Auftretende Schwierigkeiten werden detailliert erörtert, die Lösungsansätze erklärt und am Gebäude, das, ginge es nach Piano, fliegen lernen sollte, wie in einer universitären Lehrstunde aus allen Perspektiven verdeutlicht.

Dazwischen plaudert der Regisseur mit dem Architekten über Fragen der Ästhetik, das Zusammenwirken von Technik und Poesie und den Wechsel von Licht und Schatten, den es in beiden Disziplinen zu beachten gilt. Die über 80-jährigen Senioren denken nicht daran abzutreten, wo doch die Welt, wie es Piano mit Faible für utopischen Pathos sagt, durch Schönheit gerettet, der Mensch zum Besseren verändert werden könnte.                

Saura, der in seinen Spielfilmen oft genug den Mut zum Experiment bewiesen hat, interveniert nicht, er scheint tout d'accord und lässt den Dialog zu einer One-Man-Show erstarren. Dann übernehmen wieder Drohnen das Kommando, nähern sich dem über dem Wasser auf Pfeilern schwebenden Wahrzeichen mit den riesigen Glasflächen von oben und von unten an.  

Zum Schluss noch ein Feuerwerk zur Eröffnung, Bürgerprotesten gegen das "Meisterwerk" gewährt Saura nur wenige Sekunden. Man glaubt sich in einem mehr als konventionellen Imagefilm, getragen von zwei Humanisten, die an der Meinung der Menschen, die sie von der Schwere des Daseins erlösen wollen, kaum interessiert sind.

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