Ausstellung in Bonn

Michael-Jackson-Schau feiert trotzig den King of Pop

ANZEIGE

Die Bonner Bundeskunsthalle will wegen neuer Missbrauchsvorwürfe die Ausstellung "Michael Jackson: On the Wall" nicht als Hommage verstehen. Die meisten der gezeigten Künstler sähen das wohl anders

​Wenn Ausstellungen, deren Vorbereitungen Jahre dauern, durch unvorhergesehene Ereignisse eine plötzliche Aktualität gewinnen, freuen sich meist die Macher. Im Falle von "Michael Jackson: On the Wall", einer von der Londoner National Portrait Gallery entwickelten und dort im vergangenen Sommer gezeigten Schau über den Popstar als Sujet in der bildenden Kunst, sieht das anders aus. "Die Kontroverse um die Dokumentation 'Leaving Neverland' über Michael Jackson hat uns, die Bundeskunsthalle, nicht unberührt gelassen. Die Vorwürfe, die von den mutmaßlichen Opfern erhoben werden, sind schockierend", heißt es in einem Statement des von Rein Wolfs geleiteten Hauses (hier im Monopol-Interview zum Thema), wo die Ausstellung jetzt nach Paris ihre dritte Station hat. Schon früh hatte Wolfs betont, dass eine Absage nicht in Frage komme, jedoch auf die Debatte in geeigneter Form eingegangen werden würde. Die Präsentation selbst, die in Zusammenarbeit mit dem Jackson Estate entstand, bleibt freilich unberührt. Dafür gibt es eine Art trouble desk: Man bietet nun "neben Diskussionsabenden zum Thema auch eine*n Ansprechparter*in in der Ausstellung."

Tatsächlich dürften den Ausstellungsmachern die Missbrauchsvorwürfe, die in der HBO-Dokumentation gegen den 2009 verstorbenen Jackson erhoben werden, bereits bekannt gewesen sein. Die beiden Protagonisten Wade Robsen und James Safechuck waren damit bereits 2013 und 2014 an die Öffentlichkeit gegangen. Wie das Bonner Haus weiter betont, sei die Ausstellung "keine Hommage" an Jackson: "Sie handelt von dem Widerhall des 'Phänomens Michael Jackson' in der zeitgenössischen bildenden Kunst." Das allerdings kann man auch anders sehen - denn ein Gutteil der Werke tut genau das: Sie feiern den King of Pop. Ebenso gut könnte man Andy Warhol ausstellen mit dem Hinweis: Dies ist doch keine Hommage an Konsumkultur und Suppendose.

Dabei ist gerade ein Aspekt, wofür Jackson von vielen Künstlern besonders gefeiert wird, hochaktuell: die afroamerikanische Repräsentanz im öffentlichen Leben. Nie zuvor war ein Schwarzer der größte Popstar seiner Zeit. Die Absage einer Jackson-Ausstellung würde wie eine Auslöschung dieser historischen Leistung empfunden werden. 

In seiner Fotoarbeit "2300 Jackson Street" stellt der Amerikaner Rodney McMillian einer Fotografie des bescheidenen Bungalows, in dem Jackson mit seinen Eltern und acht Geschwistern in Gary, Indiana, aufwuchs, den Text eines Disneysongs gegenüber: "Heigh Ho", das Lied der Sieben Zwerge aus "Schneewittchen". Getreu den kapitalistischen Erfolgsversprechen der Liedzeile "It ain’t no trick to get rich quick" tauschte Vater Jackson die Kindheit seiner Sprößlinge gegen hart erarbeitete Chart-Erfolge. 

Die wahre Aktualität dieser Ausstellung zeigt der zeitgleiche deutsche Kinostart von Jordan Peeles Horrorfilm "Wir" ("Us"), der mit einer Jackson-Referenz beginnt, wenn ein Teenager ein übergroßes Thriller-T-Shirt trägt. Der Film erzählt von einer von gewalttätigen Eindringlingen bedrohten schwarzen Mittelschichtsfamilie, in einem übertragenen Sinne aber auch vom Verlangen nach Teilhabe an den Wohlstandsversprechen. John Landis' "Thriller"-Video, das bei 14 Minuten Laufzeit wie ein Blockbuster rezipiert wurde, war wie so vieles in Jacksons Werk ein Akt der Aneignung, der Teilhabe an einer traditionell weißen Unterhaltungskultur. Aus Andy Warhols Nachlass ist die schicke Einladung zur release party des Albums im New Yorker Museum of National History in die Ausstellung gekommen - ein bedruckter weißer Handschuh. Für ihre Videoinstallation "King (A Portrait of Michael Jackson)" ließ Candice Breitz das Album von deutschen Fans nachsingen und macht so den Prozess der individuellen, inter-kulturellen Aneignung noch eine Generation später erlebbar.

Jacksons wegweisende Musikvideos finden sich ausschließlich als Referenzmaterial für Found-Footage-Arbeiten anderer Künstler in der Ausstellung. Jonathan Horowitz' "The Body Song" lässt Jacksons "The Earth Song" rückwärts ablaufen. Michael Robinson verschneidet in seiner Videoarbeit "These Hammers Don’t Hurt Us" Jacksons Mini-Monumentalfilm "Remember the Time" mit der Cleopatra-Darstellung von Jacksons späterer Busenfreundin Liz Taylor zu einer neuen Narration, vereint in Pomp und Exotismus. 

Zwar vermisst man Jeff Koons' Porzellan-Jackson mit Affen - angeblich für den Transport zu zerbrechlich - doch Paul McCarthys "Green Grey Symmetrical Michael Jackson" ist ein würdiger Ersatz: Mensch und Haustier verschmelzen in diesem Relief zu einem unheimlichen Monstrum. Werke, die mit Jacksons Medienpersona derart wenig schmeichelhaft umgehen, sind allerdings in der Schau, die keine Hommage sein will, höchstselten. Unter den Huldigungen ist dagegen kaum eine so feinsinnig wie die von Isa Genzken, eingeführt von ihrem Statement: "Jasper Johns I’m not so into in the end. But Michael Jackson I absolutely love."

Von Genzkens Serie "Wind" sind gleich vier Beispiele vertreten, in denen die Künstlerin Jacksons Tanz ("the best thing in the world") mit dem künstlerisch schwer darstellbaren Naturphänomen des Windes gleichsetzt. Unter den vielen bekennenden Jackson-Fans der Ausstellung gelingt es Genzken besonders gut, einen ästhetischen Aspekt des Phänomens dingfest zu machen. Nicht nur in seinem "freeze"-Tanz, auch in seinen Gesten war Jackson ein Zauberkünstler, für den physikalische Gesetze nicht zu gelten schienen.

Wer als Künstler nach einem Sujet suchte, dass nach Überhöhung strebte, fand in Jackson nicht nur ein dankbares Modell sondern manchmal auch einen spendablen Mäzen. Eines der spektakulärsten Beispiele ist Mark Rydens Cover-Gemälde zum Album "Dangerous", das in der Ausstellung mit dem originalen Künster-Rahmen in surrealem Neo-Barock bewundert werden kann. Hoch zu Ross zeigt der Maler Kehinde Wiley den Künstler im letzten Porträt, das dieser in Auftrag gab als "Equestrian Portrait of King Philip II". Jackson hatte sich gewünscht, in einer Rüstung porträtiert zu werden, starb jedoch bevor das zwei Meter hohe Bild vollendet wurde. Offensichtlich hatte der Sänger auch in der von Missbrauchs-Prozessen überschatteten Spätphase seiner Karriere sein außergewöhnliches Selbstbewusstsein nicht verloren. 

Doch auch die gebrochene Medienpersona, die sich in Teilen seiner Kontrolle entzog, ließ sich noch ins Tragisch-Romantische verklären. Sam Lipp schuf mit dem posthumen Porträt-Gemälde "Looking" eines der eindringlichsten Jackson-Bilder. Ja, es sind überwiegend verklärende künstlerische Antworten auf Jacksons Werk und Medienpersona, aber sie treffen die einzelnen Aspekte seiner Eindrücklichkeit besser als die Emphase des Kurators und Direktor der National Portrait Gallery, Nicholas Cullinan, der ihn im Katalog gar den "letzten Modernisten" nennt. Von wegen: keine Hommage.

Zurück zur Übersicht

Weitere Artikel aus dem Dossier