Regisseur Zemeckis im Interview

"Eine wahre Geschichte über die Heilkraft der Kunst"

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In Robert Zemeckis' neuem Film "Willkommen in Marwen" spielt Steve Carrell einen Mann, der von Neonazis halb zu Tode geprügelt wurde. Schwer traumatisiert, baut er in seinem Garten das Modell eines belgischen Dorfs im Zweiten Weltkrieg auf – und spielt mithilfe von Puppen fiktive Kriegsabenteuer durch. Wir haben den Regisseur zum Interview getroffen

Robert Zemeckis, Mark Hogancamp, den Steve Carrell in Ihrem Film spielt, existiert wirklich. Wie sind sie auf seine Geschichte gestoßen?
Ich habe Jeff Malmbergs tollen Dokumentarfilm "Marwencol" von 2010 gesehen. Eine wahre Geschichte über die Heilkraft der Kunst. Hogancamp nannte seine Installation "Marvencol" und hat die mit Puppen inszenierten Kriegsfotos in Galerien ausgestellt. Wissen Sie, ich bin nicht allzuoft in der Kunstszene unterwegs. Malerei interessiert mich, aber ich bin kein großer Galeriebesucher. Nein, ich habe mir die Bilder zuerst im Internet angesehen und fand, man müsste diese erfundene Welt unbedingt in einem Spielfilm zum Leben erwecken.

Gerhard Richter hat sich von einem Film distanziert, den Florian Henckel von Donnersmarck über sein Leben gedreht hat. Hatte Hogancamp keine Probleme mit den fiktiven Stellen?
Überhaupt nicht. Wir durften nicht nur seinen echten Namen verwenden, sondern auch Namen der Personen nennen, die in seinem Leben eine Rolle spielen. Wir haben einige seiner Fotoarbeiten im Film. Mit Mark gab es keine Diskussionen. Er war sehr entgegenkommend und voller Verständnis für den Prozess des Filmemachens. Er war ein Partner.

Zwei Wirklichkeiten kommen im Film vor, die Übergänge zwischen Alltag und Kriegsfantasien sind gleitend. Nazis belagern immer wieder das Dorf, in dem Hogancamp mit einer Gruppe von toughen Amazonen lebt ...
... und diese Figuren haben ihre Entsprechung in realen Personen. Diejenigen, mit denen Hogancamp im wahren Leben befreundet war, wurden als Spielfigur gewürdigt, mitsamt ihren realen Eigenschaften und Attributen.

Aber die Negativfigur, die Diane Kruger spielt, hat keine Entsprechung in den Alltagsszenen. Woher kommt Deja Thoris?
Ursprünglich ist das eine Marsprinzessin in Fantasy-Romanen von Edgar Rice Burroughs, der Tarzan erfunden hat. Die Covers der Romanserie hat Frank Frazetta in den 60ern gezeichnet. An seinen Designs haben sich die Kostümbildner für Diane orientiert. Deja Thoris ist bei uns "die belgische Hexe von Marwen". Sie taucht einfach in Marks Leben auf, er weiß auch nicht, wo sie herkommt. Symbolisch steht die Figur für seine Verdrängung. Er will nicht sehen, dass er ein Gewaltopfer ist, weigert sich, vor Gericht gegen die Täter auszusagen.

Irgendwann will die Hexe Mark mit einem Delorean abholen  – der Zeitmaschine aus Ihrer berühmten "Zurück in die Zukunft"-Trilogie. Ist das auch eine Kritik am Eskapismus, für den Ihr Welterfolg auch stehen könnte?
Ach, nein. Steve Carrells Figur denkt sich eine Zeitmaschine aus. Daher konstruiert er die Zeitmaschine, die er kennt. 99 Prozent der Leute, die Sie auffordern, eine solche Maschine zu skizzieren, würden den Sportwagen aus "Zurück in die Zukunft" zeichnen.

Dieses Weglaufen von der Gewalt, das sie geschildert haben, das funktioniert ja heute kaum noch. Ist "Willkommen in Marwen" eigentlich auch ein Film über eine zerrüttete Gesellschaft in der Ära Trump?
Der Film basiert auf Ereignissen, die 20 Jahre zurückliegen. Ähnlichkeiten mit der aktuellen Situation in Amerika sind reiner Zufall, eigentlich. Dass Steve Carrell einen Individualisten spielt, der gerne Frauenschuhe anzieht und, nur weil er anders ist, von Neonazis attackiert wird. Ich konnte 2010, als ich auf Mark stieß, nicht wissen, dass die Nazis wieder aus ihren Löchern kriechen würden – und dass wir einen Präsidenten bekämen, der das noch befördert. Es ist unheimlich!

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